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„Mach was mit deinem Leben“ – Wie Eltern ihre Kinder in der Schule unter Druck setzen

Natürlich gibt es immer andere Eltern, immer Ausnahmen, aber der Trend bewegt sich dahin, dass Eltern ihre Kinder in der Schule unter Druck setzen.

Jeder kennt Beispiele von Eltern, die alles daran setzten, dass ihr Kind auf das Gymnasium kommt. Wenn die Zeit gekommen ist, sprechen sie mit Lehrern, aber schon davor setzen sie ihre Kinder unter Druck. Durch Formulierungen wie: „Wenn du studierst, dann…“, „Mit deinem Abitur kannst du dann…“ wird vielen Kindern schon von Anfang an deutlich gemacht, wie ihr Weg zu verlaufen hat. Selbst wenn Ausbildungsberufe immer gefragter werden und selbst, wenn das Gymnasium dem Kind nur schaden würde. Schließlich sind die Schulformen in Deutschland absichtlich dreigeteilt; damit jedes Kind die Förderung erhält, die es braucht, um sich zu entfalten. Ob das funktioniert ist zwar eine andere Frage, aber das ist zumindest der ursprüngliche Plan.

Aus meiner eigenen Erfahrung kenne ich viele Kinder, die bereits in den ersten Schuljahren von ihren Eltern so unter Druck gesetzt worden sind, dass deren Notendurchschnitt wohl nie „schlechter“ als 1,5 war, die sich nicht getraut haben ihren Eltern von einer drei zu erzählen. Oder ein Nachhilfeschüler, der mir erzählt hat: „Mein Vater weiß auch schon ganz genau, was ich werden will.“ Ich darauf: „Aha, und was?“ Er: „Arzt oder Politiker, damit ich erfolgreich werde und Geld verdiene.“ Dann habe ich ihn gefragt: „Und was möchtest du werden?“ und er antwortete mir: „Ich weiß noch nicht genau, aber ich will erst ein paar Jahre was machen, bei dem ich ganz viel Geld verdiene und danach etwas, was mir Spaß macht.“ Dieses Kind hat die sechste Klasse nicht geschafft. Es hatte seit der fünften Klasse immer wieder Nachhilfeunterricht. Und – so hart es klingt – keinerlei Begabung für Naturwissenschaften oder Sprachen, die unerlässlich sind für diese Berufe. Er sollte irgendeine Ausbildung machen, weil er immer nur dann erfolgreich sein wird, wenn er etwas macht, was ihm Spaß macht. Allein die Formulierung „er weiß, was ich werden will“. Er hat es wohl selbst gar nicht bemerkt, aber diese Formulierung ist Kontrast, Antithese, Wiederspruch, Paradox, einfach alles, aber vor allem traurig. Andere werden von ihren Eltern unter Druck gesetzt, in der achten oder neunten Klasse zu wissen, was sie werden wollen und zwingen sie immer wieder Studienführer zu lesen, auf Messen zu gehen und dergleichen.

Aber selbst die Kinder der oben genannten „Ausnahmeeltern“ werden unter Druck gesetzt, weil sich das Muster der anderen Eltern auf deren Kinder überträgt und diese dann auch sie abfärben. „Also ich weiß schon, genau was ich später machen will.“, „Ich glaube, dass war die beste Klausurenphase bis jetzt.“ und noch viel mehr.

Dabei übersehen Eltern oft, das sie diejenigen sind, die ihren Kindern dabei im Weg stehen erfolgreich zu werden. Unter Druck können nur die wenigsten wirklich gut arbeiten und noch weniger arbeiten besser, als es sonst der Fall wäre. Kinder entfalten sich viel schneller, wenn sie selbst die Chance haben, ihren Weg zu suchen, weil sie ihn dann auch finden werden (auch wenn das für manche Eltern vielleicht zu lange dauern würde). Ja, Eltern kennen ihre Kinder, aber es kann nicht sein, dass sie ihre Kinder besser kennen, als sie sich selbst.